Ja, ich bin ein Nazi. Für Euch bin ich ein Nazi, ein Rassist, ein Schläger, Menschenhasser, dumm, gefährlich und asozial, braune Scheiße eben.
Ich schreibe diesen Brief an die Zeitung und hoffe, dass er abgedruckt wird. Ich habe versucht mit Euch zu reden, aber Niemand hat mir zugehört. Ins Gesicht habt ihr mir gespuckt und mich beschimpft. Nicht ein Wort kam bei Euch an.
Ihr kennt mich. Ich bin Thomas S., auch bekannt, als der Anführer.
Vor Jahren lernte ich Menschen kennen, die mir Halt gaben. Mir sagten, dass ich kein schlechter Mensch sei, dass es nicht meine Schuld sei, wenn mich mein Vater grün und blau schlug, wenn er besoffen nach Hause gekommen war. Sie sagten mir ich müsse stark sein und was damals noch wichtiger für mich war, sie sagten ich könne stark sein.
Ich weiß, Freunde sind Etwas anderes. Doch mit 16 wusste ich das nicht. Sie hielten zu mir und den Beweis lieferten sie, als mein Vater mit blutigem Gesicht nach Hause kam. Sofort war mir klar, dass meine Jungs sich für mich eingesetzt, mich gerächt hatten. Mein Vater schlug mich trotzdem an diesem Abend, aber ich ging befriedigt ins Bett. Ich fühlte mich stark und ich wusste, da waren Menschen, die hinter mir standen.
So hat es angefangen und so lernte ich die rechte Szene kennen. In unserem Dorf waren es die Wölfe. Eine feste Gemeinschaft, die zusammenhielt. Hier fand ich, was mir zu Hause fehlte: Menschen, die Hoffnung in mich setzten, Disziplin und die Möglichkeit etwas aus mir zu machen. Ich hatte lange nach einer Ausbildung gesucht, vergebens. Kaum war ich in die Gruppe integriert, hatte ich eine Ausbildung zum Schreiner und das dank dem weit verzweigtem Netz...Alle für Einen und ich für die Gemeinschaft! Dies ging mir auch durch den Kopf, als ich mein erstes namenloses Opfer schlug: Für die Gemeinschaft. Ihr für mich...ich für Euch...wir zusammen. Ich schlug, ohne an den Mann zu denken, wer er war, warum ich ihn schlug, ob er Kinder hatte...nebensächlich. Gemeinschaft! Ich wurde für mein Verhalten in den höchsten Tönen gelobt. Ein guter Deutscher sei ich gewesen. Stolz habe ich die Gemeinschaft gemacht und ich ging befriedigt schlafen.
Natürlich waren es die scheiß Ausländer, die Schuld daran waren, dass ich so lange keine Ausbildung gefunden hatte. Schnell war der Hass gesät auf dem fruchtbaren Boden meiner nicht denkenden Gedanken. Irgendeiner musste doch Schuld daran sein, dass so viele gutbürgerliche, deutsche Hauptschüler keine Arbeit hatten und in unserem Dorf ein Döner neben dem Anderen eröffnete. Als Krankheit hatte ich sie gesehen, als eine Krankheit, die nach und nach unser gutes Land befällt, es lähmt und erblinden lässt, bevor es zerfressen unterginge. Meine Mutter hatte ihre Arbeit verloren. Der Laden wurde verkauft und ein türkisches Obstgeschäft zog hinein. Lange hatte der Kanacke nicht von seinem Obst. Dafür hatten wir früh gesorgt. „Obst brennt gut und drecks-türken-Obst noch besser“, hatte man mir gesagt. Ich warf die Flasche und sah zu, wie das Geschäft zu lodern begann. „Brenn Obst, brenne“, hatte ich gedacht. Für diese Aktion bekam ich Beifall. Mir zu Ehren feierten wir. Ich war Jemand! Endlich war ich Jemand, doch nicht lange. Schnell holten mich die Bullen zu Hause ab: Brandstiftung mit schwerer Körperverletzung; 6 Jahre Bau.
6 Jahre in denen mich keiner meiner gestiefelten Freunde besuchte. 6 Jahre in denen ich wieder geprügelt wurde. Aber ich fand einen wahren Freund. Jemand, der mir zuhörte. Jemand der mir Mut machte und sich von meinen Taten, als rechtes Schwein nicht ablenken ließ. „Hier drin weht ein anderer Wind“, hatte er immer gesagt und das stimmte. „Warum? Wir sind doch auch nur Menschen. Nicht besser und nicht schlechter als du! Warum hast du das gemacht, dieser Familie und auch dir selbst angetan?“, hatte er mich gefragt und mir wurde klar, dass ich diese Frage nicht beantworten konnte. „Dummheit!“, hatte Sercan gesagt und er hatte Recht.
Heute schreibe ich diesen Brief, weil ich lange nicht mehr im Knast sitze und doch im Dorf gefangen war. Für die Nazis, meine alten Freunde, war ich ein Verräter und für Euch war ich ein dreckiger Nazi. Ich bin 30 Jahre und Gott weiß, dass ich viel zu viel Zeit meines Lebens mit sinnlosem, unbegründetem Hass verschwendet habe. Könnte ich es rückgängig machen, hätte ich dies lang getan, aber mir bleibt keine andere Möglichkeit, als mit meiner Vergangenheit zu leben. Nur Ihr konntet es nicht. Ihr habt mir täglich die alten Geschichten aufs Brot geschmiert, mich beschimpft oder gemieden. Kinder liefen vor mir davon und in Geschäften wurde ich nicht mehr bedient. Ich kann Euch einerseits verstehen, schützt eure Kinder und euch selbst vor Nazis und ihrem braunen Gedankengut. Das ist richtig so. Aber ich bitte Euch, gebt Schutzsuchenden doch eine Chance. Der Mensch kann lernen und wie ich, sich ändern.
Ich lebe heute nicht mehr in meinem alten Dorf. Dort hätte ich keinen Frieden gefunden. Von Euch gemieden und den Nazis verfolgt musste ich Schutz in der Ferne suchen, nicht nur meinetwegen, sondern vor allem wegen meiner Frau Songül und meiner wunderschönen Tochter Kledia-Sophie. Ich bitte Euch der Mensch kann lernen! Lernt daran zu denken!
Thomas
GEBT RECHTS KEINE CHANCE! cai
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