mySTORYs Schreibratgeber
Für Anfänger und Fortgeschrittene

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Erlebnisreich

Handlung, Handlung, Handlung

Sofern wir einen Text schreiben wollen, der eine Geschichte erzählt, werden wir um eines nicht herumkommen: Handlung!

Das mag logisch klingen und ist es im Prinzip auch, allerdings möglicherweise nicht so, wie man es sich zunächst vorstellt. Denn der Begriff Handlung ist selbst in der Literatur mehrdeutig.

In diesem Artikel soll es vor allem um die Handlungen gehen, die unsere Figuren ausführen. Denn es sind die Figuren unseres Textes, die handeln müssen. Handeln, handeln und wieder handeln.

1. Ohne Handlung geht es nicht

Wenn wir von der Handlung einer Geschichte sprechen, meinen wir im Allgemeinen die Antwort auf die Frage, was in der Geschichte vor sich geht. Wir sagen etwa, die Geschichte handelt von einem Mann, der noch nie Angst hatte und deshalb auszieht, um das Fürchten zu lernen. Oder sie handelt von einer Frau, die sich aus einer finanziellen Notlage heraus einen Job in einer Anwaltskanzlei erzwingt und auf diese Weise einen Umweltskandal aufdeckt. Oder von einem Hobbit, der allerlei Gefahren bestehen muss, um einen machtvollen Ring zu zerstören.

In diesem Sinne kommt keine Geschichte ohne Handlung aus. Denn die Handlung ist das, was die Geschichte erzählt. Gäbe es sie nicht, gäbe es keine Geschichte.

Wohlgemerkt, es gibt durchaus literarische Texte, die keine Geschichte erzählen wollen und daher auch mit wenig oder ganz ohne Handlung auskommen.

Doch wie schon einleitend bemerkt geht es in diesem Artikel nicht allein um die Handlung der Geschichte als Ganzes, sondern vor allem um das Handeln der Figuren.

2. Der Kampf gegen die Langeweile

Selbst das Handeln der Figuren ist noch ziemlich vielschichtig und umfasst verschiedene Aspekte. Doch all diese Aspekte sind notwendig, um den Leser zu fesseln. Denn eine Geschichte, in der der Leser nicht dabei sein kann, wenn seine Helden handeln, wird schnell langweilig.

2.1. Der aktive Protagonist

Es ist der Protagonist, um den sich in der Geschichte alles dreht. So richtig diese Aussage ist, richtiger wäre sie noch, wenn sie lautete: Es ist der Protagonist, der in der Geschichte (fast) alles dreht. Es ist seine Geschichte und sie läuft nicht ohne ihn ab. Er bringt sie erst ins Rollen, würde er sich an irgendeiner Stelle von ihr verabschieden, wäre auch die Geschichte zu Ende (bestenfalls würde fortan eine neue Geschichte erzählt).

Wir halten also fest, wir brauchen mindestens einen Protagonisten für die Geschichte. Hat die Geschichte mehrere Handlungsstränge oder werden gar mehrere Geschichten miteinander verwoben, braucht jede(r) ihre(n) eigenen Protagonisten.

Ich möchte auch an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ein Protagonist nur dann zum Protagonisten wird, wenn die Geschichte, die wir lesen, seine ganz persönliche ist. Wenn er also einen Konflikt zu bewältigen hat, um ein Ziel zu erreichen, und dieser Konflikt der zentrale der Geschichte ist. Eine Figur, die die wichtigste Rolle in einem übergeordneten Szenario spielt, wird allein dadurch noch nicht zum Protagonisten.

Stellen wir uns einen Science-Fiction-Roman vor. Die Crew eines Raumschiffs bricht zum Planeten Arda auf, um zu untersuchen, ob er die lang erwartete neue Heimat der Menschheit werden kann. Klingt nach einer spannenden Mission. Doch ohne einen oder mehrere Protagonisten verkommt das Ganze für den Leser zu einem fiktiven Bericht. Für die Mission mag die Frage entscheidend sein, ob es gelingt, eine neue Heimat zu entdecken, für den Leser wird sie nur dann wirklich interessant, wenn er sie mit den Zielen eines Protagonisten verbinden kann.

Etwa mit denen des Commanders, der seinen Geldgebern und der Crew Gefahren verschwiegen hat, weil er überzeugt ist, die Mission sei für die Menschheit so wichtig, dass man ihre Durchführung unter keinen Umständen gefährden darf. Oder denen des Navigators, der seit dem Tod seiner Tochter an einem Alkoholproblem leidet, das er erfolgreich verschweigen konnte, und der hofft, auf der Mission seiner Sucht entfliehen zu können. Oder vielleicht mit denen des jungen Kombüsengehilfen, der sich nur deshalb hat anheuern lassen, weil er hofft, auf diese Weise endlich der schönen Nachbarin näher zu kommen, die auf demselben Schiff als junge Offizierin ihren Dienst tut.

Welche(n) Protagonisten auch immer die Wahl trifft, er ist es, der seine Geschichte vorantreibt. Er rasselt unweigerlich in einen Konflikt und seine Geschichte besteht eben gerade darin, dass er es ist, der sich diesem Konflikt stellen und alles unternehmen muss, ihn zu lösen. Er muss also handeln.

Der Commander wird nicht etwa so viel Glück haben, dass die ihm bekannten Gefahren nicht eintreffen. Schlimmer noch: Die Crew wird auch herausfinden, dass er von ihnen gewusst hat. Wahrscheinlich droht die Mission gerade deshalb zu scheitern. Er wird sich also mächtig ins Zeug legen müssen, sie dennoch zu einem guten Ende zu führen und dabei möglichst das Vertrauen der Crew wiederherzustellen. Ganz davon abgesehen, dass die besagten Gefahren überwunden werden müssen. Die entscheidenden Schritte dafür muss er als Protagonist selbst unternehmen. Keiner nimmt ihm die wichtigen Entscheidungen ab und niemand sagt: "Nimm dir mal ein paar Tage Urlaub, wir regeln das für dich."

Auch dem Navigator wird seine Flucht vor der Sucht nicht so ohne Weiteres gelingen. Er wird harte Kämpfe mit sich selbst ausfechten. Möglicherweise bekommt auch er Schwierigkeiten mit der Crew. Vielleicht unterlaufen ihm einige schwere Navigationsfehler. Und er muss sich selbst aus dieser Situation herausnavigieren. Bestenfalls die Meteoroiden, nicht aber die Asteroiden räumen ihm andere aus dem Weg.

Und der Kombüsengehilfe? Ihm ergeht es nicht anders als jedem verliebten Protagonisten. Die Angebetete wird ihn nicht einfach von einem Tag auf den anderen entdecken und ihm zurufen: "Jetzt sehe ich erst, welch toller Kerl du bist. Hiermit übergebe ich dir feierlich und bis an mein Lebensende mein Herz!" Er wird sich anstrengen müssen, alle Register ziehen diverse Strategien verfolgen, um der feschen Offizierin aufzufallen und am Ende vielleicht ihr Herz zu erobern.

Protagonisten müssen also handeln. Sie müssen auf die Probleme, die durch ihren Konflikt entstehen, reagieren. Um den Konflikt zu lösen, müssen sie agieren. In aller Regel wird es kein Leser lange mit einem passiven Helden aushalten. Aktives Handeln ist angesagt.

2.2. Ein Erlebnis für den Leser

Ein Leser will die Geschichte, die er liest, miterleben. Tut er das nicht automatisch, wenn er sie liest? Nun, erleben wir die Geschichte von Herrn P. aus A. mit, der in der U-Bahn von fünf Jugendlichen überfallen wurde, nur weil wir sie in der Zeitung lesen? Vermutlich spüren wir Mitgefühl. Wir können uns vorstellen, wie schrecklich das für den armen Mann gewesen ist. Und wir entwickeln vielleicht sogar ein bisschen Wut auf die Täter. Aber miterleben ist etwas anderes.

Um etwas mitzuerleben, dürfen uns die Ereignisse nicht nur von einem Dritten geschildert werden. Ein unbeteiligter Bericht hilft uns dabei nicht. Wir müssen dabei sein, wenn ein anderer es erlebt. Das eben ist die Bedeutung von mit-erleben.

Hanna erlebte einen wirklich seltsamen Tag. Schon am Morgen stand auf einmal ihr Ex vor der Tür und machte Zoff, nachdem sie sich fast ein halbes Jahr nicht gesehen hatten. Er wollte sich nicht abwimmeln lassen und Hanna musste Gewalt anwenden, um ihren Bus nicht zu verpassen.

Da passiert offenbar einiges, aber der Leser ist nicht wirklich dabei. Trotzdem hat der Autor unter Umständen alles richtig gemacht, nämlich dann, wenn diese Geschehnisse für den eigentlichen Konflikt nur eine Grundlage schaffen. Vielleicht startet also die Geschichte erst so richtig im nächsten Absatz und dann ist der Leser ganz nah bei Hanna und erlebt den restlichen seltsamen Tag an ihrer Seite.

Wenn aber das im Beispiel Geschilderte schon die eigentliche Geschichte ist, wenn es genau das ist, was erzählt werden soll, dann wird hier jedes Potenzial verschenkt. Wie gut ließe sich aus der trockenen Schilderung eine mitreißende Szene gestalten, die zum Erlebnis für den Leser wird.

Hanna war ein Tollpatsch.

Auch dieser Satz kann durchaus seine Berechtigung haben, etwa wenn Hanna eine weniger wichtige Nebenfigur ist, für die der Raum im Text begrenzt ist.

Wenn Hanna aber eine der Hauptfiguren ist, sollte der Leser nicht nur erzählt bekommen, dass sie ein Tollpatsch ist, er sollte es erleben. Was er nämlich miterlebt, wird sich bei ihm viel tiefer einprägen. Gleichzeitig erlebt er so ein tatsächliches Kennenlernen der Figur. Hanna sollte daher immer wieder tollpatschig handeln, damit der Leser das richtige Bild von ihr bekommt, dann braucht der Autor gar nicht erst so direkt darauf hinzuweisen.

Es ist also erstrebenswert, alles, was man erzählen will, daraufhin zu prüfen, ob es sich nicht in Handlung auflösen lässt, und ob es sinnvoll und der Intention entsprechend angemessen ist, es in Handlung aufzulösen.

2.3. Handlung up to date

Aus dem unter 2.2. Gesagten ergibt sich eines ganz folgerichtig: Wenn der Leser erleben soll, wie die Figuren handeln, müssen die Figuren auf der Erzählebene in der Gegenwart handeln. Auch wenn eine Geschichte im Präteritum, also in einer grammatischen Zeitform der Vergangenheit, erzählt wird, empfindet der Leser sie beim Lesen als gegenwärtig. Anders gesagt: Das, was für die Figuren der Geschichte Gegenwart ist, erlebt auch der Leser als Gegenwart der Geschichte. Und nur, solange die Figuren in dieser Gegenwart handeln, hat er die Möglichkeit, mit ihnen mitzuerleben.

Hanna konnte nicht einschlafen. Was war das nur für ein Tag gewesen? Schon am Morgen hatte auf einmal ihr Ex vor der Tür gestanden und Zoff gemacht, nachdem sie sich fast ein halbes Jahr nicht gesehen hatten. Er hatte sich nicht abwimmeln lassen und Hanna war gewalttätig geworden, um ihren Bus nicht zu verpassen.

In diesem Beispiel befinden wir uns nur mit dem ersten Satz in Hannas Gegenwart. In dieser kann sie nicht einschlafen. Das ist das Einzige, was der Leser mit ihr miterleben darf. Dann beginnt eine Rückblende. Alles, was an dem Tag geschehen ist, ist für Hanna schon Vergangenheit, sie hat es bereits erlebt.

Fast jeder Autor stößt früher oder später auf die Warnung vor Rückblenden. Man solle sie vermeiden, heißt es. Als Grund wird häufig angegeben, dass Rückblenden nahezu untrennbar mit dem Plusquamperfekt (Vorvergangenheit/vollendete Vergangenheit) verbunden seien, das mit den Hilfsverben "hatte" und "war" gebildet wird:

Er hatte sich nicht abwimmeln lassen. Hanna war gewalttätig geworden.

Das Problem sei nun, dass sich in Rückblenden folglich die ständige Wiederholung dieser Hilfsverben ergäbe, was sie auf sprachlich stilistischer Ebene eintönig mache.

Tatsächlich ist das zwar richtig, aber nicht das Problem der Rückblende. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, dem Plusquamperfekt auszuweichen, die an dieser Stelle nicht das Thema sind.

Das Problem ist, dass jede Rückblende die Handlung in der Gegenwart der Erzählung unterbricht. Für diesen Zeitraum wird dem Leser die Möglichkeit des Miterlebens genommen. Die Haupthandlung, und somit die Geschichte, macht Pause. Je länger die Rückblende andauert, desto länger muss der Leser darauf warten, zu erleben, wie die Geschichte weitergeht. Dabei kann für ihn nichts, was längst geschehen ist, so interessant sein, wie das, was erst noch geschieht.

Nicht immer kann man Rückblenden vermeiden. Und manches Mal kann man sie bewusst einsetzen, um den Leser innehalten zu lassen. Doch beides sollte nicht als billige Entschuldigung herhalten. Wenn man weiß, welche Wirkung eine Rückblende hat, sollte man lieber zweimal darüber nachdenken, ob es nicht eine bessere Lösung gibt.

Veröffentlicht am 25.05.2011
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