mySTORYs Schreibratgeber
Für Anfänger und Fortgeschrittene

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Im Flow

Der Romanschreiber: Das Manuskript

Foto: © BennoP

Der Romanschreiber, das ist eine Artikelreihe, in der ich dir praxisnahe Tipps zum Entwickeln, Schreiben, Anbieten und Vermarkten eines Romans gebe. Anders als mit den bisherigen Artikeln will ich dir damit nicht verschiedene Wege zum Ziel aufzeigen. Zwar gilt natürlich weiterhin, dass letztlich das Ergebnis zählt, welchen Weg auch immer du beschreitest, doch als der Romanschreiber habe ich mir vorgenommen, keine verwirrende Vielfalt an Möglichkeiten, sondern (zum Teil am praktischen Beispiel) klare, einfache Strategien aufzuzeigen, die meiner Meinung nach besonders hilfreich sind.

Wenn es gelingt, solltest du diese Artikel beinahe wie eine Anleitung lesen und direkt umsetzen können. Willst du in eines der Themen tiefgründiger eindringen, stehen dir ja weiterhin die anderen Artikel zur Verfügung.

Und noch einmal: Auch wenn ich in dieser Reihe beinahe so tue, den goldenen Weg für jeden gibt es nicht. Jeder muss letztlich seinen eigenen finden.

Dieser Artikel soll nun endlich vom eigentlichen Schreibprozess handeln. Bisher haben wir geplant, haben kürzere und immer längere Zusammenfassungen geschrieben und unsere Figuren von allen Seiten betrachtet. Nur gibt es noch kein Manuskript. Das soll sich jetzt ändern.

 

Anfangen

Als Erstes wirst du dir deine Aufzeichnungen noch einmal durchlesen wollen. Tu das, dann aber lege sie beiseite. Nicht ganz außer Reichweite, doch vertraue jetzt erst einmal deinem Gefühl für die Geschichte, das sich inzwischen entwickelt haben sollte. In deinen Aufzeichnungen nachschlagen kannst du immer noch.

Schreib einfach los. Versuche, das, was du gerade noch einmal nachgelesen hast, mit dem passenden Gefühl in die richtigen Worte zu fassen. Nein, nicht in die richtigen, einfach erst einmal in Worte. Schreib dich am besten einfach erst einmal leer. Oder eben, so lange du kannst. Frage dich auf keinen Fall, ob das jetzt schon so ist, wie es mal sein soll. Schalte den inneren Zensor aus.

Vielleicht hast du bereits einen Romantitel, dann steht der sicher schon auf der ersten Seite deines Manuskripts. Wenn nicht, ist auch nicht schlimm. Und sorge dich nicht, der wird sich mit aller Wahrscheinlichkeit sowieso noch mindestens einmal ändern, daher ist er jetzt eigentlich erst einmal egal. Der beste Titel nützt dir nichts, wenn darunter nicht noch mehr steht.

Etwa ein erster Satz. Erste Sätze sind ja sowieso ungeheuer wichtig. Oder? Mag sein, aber nicht jetzt. Auch dein erster Satz kann sich noch vollkommen ändern. Wenn er überhaupt dein erster Satz bleibt. Du musst dir jetzt also keine Gedanken darüber machen.

Fang einfach erst einmal an. Wenn du schon den richtigen Ton triffst, super! Wenn nicht? Na ja, du weißt ja vielleicht noch gar nicht, welcher Ton da zu treffen ist. Nichts hilft besser, als erst einmal einen Versuch zu starten.

Du hast mit einem Ich-Erzähler angefangen? Warum auch nicht? Du hast dich ja nun wirklich schon eine Weile mit deiner Story und deinen Figuren beschäftigt. Wenn der Bauch jetzt nach einem Ich schreit, wird das schon passen.

Schreib!

 

Keine Empfehlung

Bei dem einen hält dieser Zustand bis zum Ende an. Es fließt aus ihm heraus, bis plötzlich der Schluss der Geschichte erreicht ist, und er verwundert den Blick vom Bildschirm hebt. Bewunderns- und beneidenswert, oder?

Bei den meisten wird dieser Fluss früher oder später ins Stocken geraten. Vielleicht noch bevor das Ende des ersten Kapitels erreicht ist. Aber keine Sorge, das ist nicht schlimm. Und es wird wahrscheinlich selbst während diesem einen Roman nicht das einzige Mal bleiben.

Allgemeine Empfehlungen lassen sich hier kaum geben, schon weil jeder ein bisschen anders tickt, aber auch, weil dieses Stocken ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Natürlich lässt zwischendurch auch mal die Konzentration nach, dann braucht es einfach eine Pause. Häufig hat man sich beim Schreiben (vielleicht sogar, ohne es sofort zu bemerken) festgefahren, steht trotz aller Vorbereitung vor einem Problem, für das man nicht gleich eine Lösung findet, oder befürchtet sogar, dass man beim Plotten etwas übersehen hat, was nie wieder gutzumachen ist. Es wird sich ganz bestimmt eine Lösung finden. Gern auch, wenn du gar nicht damit rechnest. Bei einem Spaziergang, aber auch am Schreibtisch, wenn du dich erst einmal mit einer anderen Szene beschäftigst oder das bisher Geschriebene überarbeitest. Oder auch, während du zur Ablenkung und Entspannung eine Kurzgeschichte schreibst oder deinen Lieblingsfilm schaust.

Es ist ganz normal, dass es auch mal schwer wird, dass man vielleicht sogar die Lust verliert oder zweifelt. Jetzt heißt es einfach, dranbleiben. Schreiben ist Arbeit. Und wenn es ernsthaft betrieben wird, erfordert es jede Menge Konzentration und Gehirnschmalz.

 

Keine Zeit?

Vielleicht fällt dir gerade auf, dass du kaum oder sogar (fast) gar keine Zeit fürs Schreiben übrig hast. Oder du wusstest das eigentlich schon eine Weile, hast hier aber mitgelesen, weil du so unheimlich gern schreiben würdest.

Nun sei zunächst noch einmal betont, dass sich dieser Artikel nicht vorrangig an jene Schreiber richtet, die nur nach einer netten Freizeitbeschäftigung suchen. Die sollten dann nämlich schon längst ihre Geschichte zum Leben erwecken, statt hier mit meinen Artikeln ihre Zeit zu verschwenden.

Denn – und damit sind wir wieder beim Thema – wer wirklich schreiben will, dem wird die Zeit nicht geschenkt. Je weniger er davon hat, desto mehr wird er Prioritäten setzen müssen. Denn wer keinen Gönner hat, der wird vermutlich das Schreiben sonstigen Verpflichtungen (Schule, Studium, Arbeit, Haushalt, Kinder, …) nebenordnen müssen. Die Zeit zum Schreiben (das am besten auch zu einer Art Verpflichtung wird, wenn auch hoffentlich zu einer insgesamt erfreulichen) wirst du also wohl oder übel von der Freizeit abknapsen müssen.

Du musst dir Schreibräume schaffen, indem du möglicherweise andere Dinge einschränkst oder sogar ganz darauf verzichtest. Fernsehen, Modelleisenbahn, Sport, Freunde, Familie – schau dir an und besprich mit eventuell Betroffenen, was du für die Zeit, in der du dein Manuskript fertigstellen willst, ein bisschen zurückstellen kannst. Nach Möglichkeit so, dass du dir feste Schreibzeiten schaffen kannst, selbst wenn es nur eine Stunde oder sogar weniger am Tag ist. Vielleicht musst du dafür früher aufstehen oder später ins Bett gehen. Manche Autoren fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit, weil sie dann in Bus oder Straßenbahn schreiben können. Versuche, einen täglichen Rhythmus zu erreichen und bei jeder „Sitzung“ wenigstens ein paar Sätze zu schreiben, selbst dann, wenn du gerade alles andere als im Fluss bist.

 

Ideenflut

Einerseits wird das Schreiben oft unterbrochen, weil man trotz aller Vorbereitung erst einmal nicht weiterweiß, es kann aber erstaunlicherweise auch das Gegenteil eintreten: Mitten im Schreibprozess überfällt dich plötzlich eine neue Idee. Doch statt sie freudig zu begrüßen, wirst du unsicher und fragst dich, ob sie überhaupt zu dem passt, was du dir so mühevoll vorher ausgedacht hast.

Es ist normal, dass einem im Schreibprozess Ideen kommen, auf die man beim Planen niemals gekommen wäre. Man steckt einfach noch tiefer im Stoff, ist näher dran an den Figuren und hat diese außerdem noch besser kennengelernt. So gut, dass man auf einmal merkt, etwas, das man beim Plotten noch von ihnen gefordert hat, passt gar nicht zu ihnen. Oder man spürt plötzlich, dass eine Figur Ziele oder Eigenheiten entwickelt, an die man vorher gar nicht gedacht hätte. Autoren sagen dann gern, ihre Figur entwickele ein Eigenleben. In Wahrheit hat man sie meist einfach besser kennengelernt. Und manche Zusammenhänge der Geschichte erst jetzt wirklich erspürt.

Das bedeutet zunächst einmal, dass dir solche neuen Ideen durchaus willkommen sein dürfen. Mit etwas Glück lassen sie sich problemlos integrieren und passen gut zu deinem bisherigen Konzept. Natürlich kann es auch gut sein, dass weitläufigere Änderungen bedacht werden müssen. Freue dich also nicht nur über eine neue Idee, sondern prüfe auch genau, wie und mit welchen Konsequenzen du sie verwenden kannst. Falls du dich dadurch zu sehr im Schreibfluss unterbrochen siehst, verschiebe die Überlegungen und/oder Maßnahmen vielleicht auf die Überarbeitung.

Manchmal stößt so eine neue Idee an die Grenzen deines bisherigen Konzepts. Sie rüttelt an den Grundmauern oder sogar am Fundament deiner Geschichte. Das bedeutet, wesentliche Elemente der Geschichte sind mit der neuen Idee nicht vereinbar. Die neue Idee rückt beispielsweise eine andere Figur in den Mittelpunkt. Oder sie fasst für den Protagonisten ein anderes Hauptziel ins Auge. Oder sie sieht andere entscheidende Hürden auf dem Weg zu diesem Ziel. Kurz: wesentliche Elemente des Grundkonflikts, der ja die Geschichte ausmacht, ändern sich. Was nun?

Entweder war das bisherige Konzept nicht gut (spannend, spritzig, mitreißend, …) genug, dann lohnt es sich, alles so umzuarbeiten, dass die neue Idee zum neuen Konzept wird, das natürlich Fundament der gesamten Geschichte werden muss, selbst wenn das bedeuten würde, alles noch einmal neu zu schreiben. Vielleicht schießt aber auch einfach die Idee über das Ziel hinaus. Wenn man das ehrlich so beurteilt, nicht nur, um sich vor den notwendigen Überarbeitungen zu drücken, sollte man sich das bisherige Konzept noch einmal deutlich machen, um wieder darauf zu fokussieren. Durchaus möglich übrigens, dass die Idee trotzdem nicht so schlecht war und eine gute Grundlage für den nächsten Roman darstellt.

 

Zusammenfassend

Versuche, den Schreibfluss (den sogenannten Flow) zu nutzen. Je nachdem, was für ein Typ du bist, wird dir das leichter oder schwerer fallen. Versuche, den inneren Zensor so weit wie möglich auszuschalten und dich nicht mit Fragen abzulenken, die nicht unmittelbar mit der aktuellen Schreibphase zu tun haben. (Welchen Verlag schreibe ich als Erstes an? Sollte ich als Nächstes das Prequel oder das Sequel rausbringen? Mache ich rote oder blaue Fanshirts?) Die Überarbeitungsphase kommt nach der Schreibphase, es sei denn, du fühlst dich anders wohler.

Schreibe andererseits nicht blind, sonst könnte beim Überarbeiten das böse Erwachen kommen. Prüfe also zwischendurch, ob du dich nicht gerade mit deiner Geschichte verläufst. Vergleiche mit deinen Notizen und Arbeitsexposés und achte besonders darauf, ob dein roter Faden noch am Hauptkonflikt orientiert ist, oder ob er möglicherweise inzwischen einem ganz anderen Spannungsbogen folgt. Falls das so ist, prüfe, ob es dafür gute Gründe gibt.

Höre beim Schreiben Musik oder nicht. Schreibe im Sitzen oder im Liegen, am Schreibtisch oder auf dem Sofa, auf dem Balkon oder im Café … Mache dir das Schreiben zur Gewohnheit bis hin zu festen Schreibzeiten. In diesen Zeiten schreibe und tue nichts anderes. Schotte dich von Störungen ab, so schaffst du auch in engen Zeiträumen deine Vorgaben. Apropos: Setze dir Tagesziele! Entweder eine Zeitvorgabe oder (besser) eine bestimmte Zeichen-, Wort- oder Seitenanzahl. Hier können bestimmte Schreib- oder Autorenprogramme helfen, die mit Zielvorgaben oder sogar selbst gewählten Deadlines arbeiten.

 

Wenn du eine echte Deadline hast, vergiss nicht, dass du noch Zeit für die Überarbeitung einplanen musst. Besser zu viel als zu wenig. Das wird dann nämlich unser nächstes Thema sein.

Veröffentlicht am 21.09.2015
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