mySTORYs Schreibratgeber
Für Anfänger und Fortgeschrittene

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Von Exposés und Szenenplänen

Der Romanschreiber: Warmschreiben

Foto: © Rainer Sturm / pixelio.de

Der Romanschreiber, das ist eine Artikelreihe, in der ich dir praxisnahe Tipps zum Entwickeln, Schreiben, Anbieten und Vermarkten eines Romans gebe. Anders als mit den bisherigen Artikeln will ich dir damit nicht verschiedene Wege zum Ziel aufzeigen. Zwar gilt natürlich weiterhin, dass letztlich das Ergebnis zählt, welchen Weg auch immer du beschreitest, doch als der Romanschreiber habe ich mir vorgenommen, keine verwirrende Vielfalt an Möglichkeiten, sondern (zum Teil am praktischen Beispiel) klare, einfache Strategien aufzuzeigen, die meiner Meinung nach besonders hilfreich sind.

 

Wenn es gelingt, solltest du diese Artikel beinahe wie eine Anleitung lesen und direkt umsetzen können. Willst du in eines der Themen tiefgründiger eindringen, stehen dir ja weiterhin die anderen Artikel zur Verfügung.

 

Und noch einmal: Auch wenn ich in dieser Reihe beinahe so tue, den goldenen Weg für jeden gibt es nicht. Jeder muss letztlich seinen eigenen finden.

 

Bisher hast du, so du meiner Artikelreihe gefolgt bist, noch nicht ein Wort für dein eigentliches Manuskript geschrieben. Du hast, wie man gern so sagt, geplottet. Das soll auch mit diesem Artikel noch so bleiben.

Immerhin verrät der Titel Warmschreiben schon, dass jetzt (endlich) mehr geschrieben wird. Viel mehr! Ja, tatsächlich, obwohl ich dir hier hoch und heilig verspreche, dass sich schon der nächste Romanschreiber dem Verfassen deines Manuskripts zuwendet, wirst du bis dahin weit mehr schreiben, als zu allen vorhergehenden Artikeln zusammen.

Das hat einen einfachen Grund: Wir fassen jetzt vieles zusammen. Denn die nachfolgenden Schritte, die den eigentlichen Hauptteil deiner Schreibvorbereitungen darstellen, lassen sich verhältnismäßig kurz beschreiben, weil sie letztlich die Techniken, die wir bisher angewandt haben, nur ausbauen, die Texte, die wir bisher geschrieben haben, nur ausweiten und vertiefen.

Letzteres ist auch der Grund, warum meine Beispieltexte in diesem Artikel deine Arbeit nur noch andeuten. Sonst würdest du hier zu weit über neunzig Prozent nur meine Beispieltexte lesen.

Weiterhin orientieren wir uns an der Schneeflockenmethode, die ich nur wenig abwandle und ergänze. Los geht’s!

 

 

1 Aus 5 mach 5

Die erste Aufgabe, die du dir jetzt vornehmen solltest, ist, deinen Plot zu erweitern. Bisher hast du fünf Sätze, die die wichtigsten Ereignisse (Wendepunkte) deiner Story markieren:

 

Der Neustädter Student Robert glaubt nicht daran, Chancen bei der hübschen Restaurantchefin Bettina zu haben. Als er herausfindet, dass von ihm unter mysteriösen Umständen erstandene Bonbons ihn vorrübergehend zu einem Meisterkoch werden lassen, schöpft er die Hoffnung, Bettina mit diesen Fähigkeiten von sich zu überzeugen. Er gewinnt ein Kochduell gegen Bettinas Freund Andi, bekommt von ihr aber trotzdem einen Korb. Andi findet das Geheimnis der Wunderbonbons heraus und klärt Bettina auf, die Robert daraufhin aus dem Restaurant wirft. In einem von Robert erbetenen offenen Gespräch verzeiht Bettina ihm, erklärt aber auch, dass sich Liebe nun einmal nicht erzwingen lässt.

 

Oder vielleicht ähnelt deine 5-Satz-Zusammenfassung auch eher meinem zweiten Beispiel:

 

Prinzessin Lea kann es kaum erwarten, ihrem Vater auf den Thron zu folgen. Als sie erfährt, dass die Krone nur der Thronerbin zugesprochen wird, die Prinz Reginald aus der Gefangenschaft eines Drachen befreit und ehelicht, beschließt sie, gegen das Untier zu ziehen. Weil ihre jüngeren Schwestern sie überflügeln, räumt Lea sie aus dem Weg und erhält so die entscheidenden Hinweise für ihren Kampf gegen den Drachen. Tief in der Höhle des Drachen ist sie für einen Moment unaufmerksam, wird von dem Untier überwältigt und selbst in Ketten gelegt. Sie kann den Drachen zwar doch noch besiegen, macht aber den Fehler, Prinz Reginald im Zorn noch vor der geplanten Hochzeit zu erschlagen, weshalb sie bei der Krönung vom Fluch getroffen wird.

 

Aus jedem dieser fünf Sätze soll nun ein ganzer Absatz werden. Insgesamt kann so ein Text entstehen, der etwa eine Seite lang ist. Vielleicht etwas kürzer, vielleicht etwas länger.

Noch wichtiger ist aber, dass die ersten vier Absätze jeweils auf einen Wendepunkt, eine Katastrophe im Sinne unseres Krisenmanagements hinauslaufen. Das bedeutet, dass die Wendepunkte, die du bisher jeweils in einem Satz markiert hast, immer ans Ende des vorherigen Absatzes rücken. Wie das genau vonstattengeht, will ich dir gleich in meinen Beispielen zeigen.

Der letzte Absatz fasst logischerweise das Ende deiner Geschichte zusammen, also das, was sich aus der letzten Katastrophe ergibt.

 

Für die ersten beiden Absätze von Roberts Geschichte müssen wir uns also die ersten drei Sätze unserer bisherigen Kurzzusammenfassung zu Gemüte führen:

Der Neustädter Student Robert glaubt nicht daran, Chancen bei der hübschen Restaurantchefin Bettina zu haben. Als er herausfindet, dass von ihm unter mysteriösen Umständen erstandene Bonbons ihn vorrübergehend zu einem Meisterkoch werden lassen, schöpft er die Hoffnung, Bettina mit diesen Fähigkeiten von sich zu überzeugen. Er gewinnt ein Kochduell gegen Bettinas Freund Andi, bekommt von ihr aber trotzdem einen Korb.

Und los geht’s:

Robert Koch studiert Geschichte in Neustadt. Was Frauen angeht ist er ziemlich desillusioniert. Als ihm bei einem gemeinsamen Abend mit Kommilitonen im Restaurant Paradies die hübsche Restaurantchefin Bettina Boss auffällt, macht er sich daher gar nicht erst irgendwelche Hoffnungen. Vergessen jedoch kann er sie nicht, weshalb es ihn immer wieder zum Paradies hinzieht. Dort sieht er eines Tages einen Anschlag mit der Aufschrift: „Dringend Koch gesucht!“ Trotz seines Nachnamens kann Robert leider überhaupt nicht kochen. Neben dem Eingang zum Paradies sitzt jedoch ein Bettler, dem Robert etwas Geld zusteckt. Aus Dankbarkeit schenkt der Mann ihm eine Tüte Bonbons und ein Rezept für Nudeln mit Tomatensoße. Aus einer Laune heraus kauft sich Robert am Abend die Zutaten und versucht sich an dem Rezept. Er lutscht ein Bonbon dabei und bemerkt, wie ihm auf einmal alles leicht von der Hand geht und er sogar Ideen hat, das einfache Rezept noch zu verbessern.

Robert versteht, dass er es mit besonderen Bonbons zu tun hat, und er testet deren Wirkung, indem er Dinge zubereitet, von denen er vorher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Überzeugt von seinen Fähigkeiten beschließt er, sich im Paradies als Koch zu bewerben, um auf diese Weise vielleicht Bettina näherzukommen. Die ist tatsächlich begeistert von seinen Kochkünsten und stellt ihn ein. Er ist ihre letzte Rettung. Robert ist nun jeden Tag mit ihr zusammen und sie lernen sich wirklich kennen. Es scheint, als sei Robert Bettina mehr als sympathisch. Doch sie hat einen Freund, Andi Partner, der ebenfalls Koch im Paradies ist, wesentlich früher als erwartet von seinem Selbstfindungstrip zurückkehrt und sofort die Konkurrenz durch Robert wittert. Anfänglich kleine Hahnenkämpfe zwischen den beiden steigern sich und münden schließlich in der Aufforderung zu einem Kochduell, das die Sache endgültig klären soll.

Vom Kochduell selbst und seinen Folgen würde nun der dritte Absatz berichten, der bis dahin reichen sollte, dass Andi dem Geheimnis der Wunderbonbons auf die Schliche kommt.

 

Nun versuche ich mich mal am vierten und fünften Absatz von Prinzessin Leas Geschichte. Entsprechend dem Prinzip, dass jeder Absatz mit einem der Wendepunkte endet, schließt der dritte Absatz damit, dass Prinzessin Lea von dem Drachen überwältigt wird. Absatz vier setzt also danach an.

Nachdem der Drache abgezogen ist, hat Prinzessin Lea nun Zeit, ihren Gemahl in spe kennenzulernen. Ohnehin schon unruhig, bringen sie das Gelaber und die Liebesschwüre Reginalds noch zusätzlich auf die Palme. Am meisten ärgert sie aber, dass der Kerl sich offenbar keinerlei Gedanken gemacht hat, wie man dem Drachen entkommen könnte, und deshalb nicht im Geringsten hilfreich ist. Sie ruft den Drachen zurück, überlistet ihn mit einem Trick und kann ihn so hinterhältig abstechen.

Gemeinsam mit Reginald kehrt Lea ins Königreich ihres Vaters zurück. Reginald, erfreut über seine Befreiung und bis über beide Ohren in Lea verliebt, rückt seiner Zukünftigen zunehmend auf die Pelle. Lea nimmt sich vor, die Hochzeit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und sich des nervigen Gemahls im Anschluss baldmöglichst zu entledigen. Doch bei einer Jagd, die die Hochzeitsgesellschaft vor der Hochzeit unterhalten soll, bringt Reginald Lea derart zur Weißglut, dass sie ihn im Zorn erschießt. Noch hofft sie, durch die Drachentötung den Fluch gebrochen zu haben, aber bei der Krönung verbrennt ihr die Königskrone Kopf und Haare, der Thron erwartet sie mit unsichtbaren Klingen. Vor aller Augen gedemütigt wird sie all ihrer Würden enthoben und des Landes verwiesen.

 

 

2 Perspektiven

Ganz ähnlich, wie du jetzt deinen Plot auf eine Seite erweitert hast, verfährst du jetzt mit den fünf Sätzen, die du nach dem letzten Artikel der Reihe zu jeder deiner Hauptfiguren aufgeschrieben hast. So entsteht eine jeweils etwa einseitige Erzählung der Geschichte aus der Sicht jeder deiner Hauptfiguren.

Das mag jetzt recht unspektakulär klingen, aber meiner Ansicht nach ist das einer der besten Wege, deine Figuren im Zusammenhang mit der Geschichte zu entwickeln bzw. besser kennenzulernen. So machst du dir noch einmal klar, dass jede deiner Figuren ihre eigene Geschichte hat, jede von einer eigenen Motivation angetrieben wird und eigene Ziele verfolgt.

Vergiss dabei aber nicht, dass jeder dieser Figurengeschichten eng mit dem Hauptkonflikt verbunden ist. Für die eigentliche Geschichte zählt also nur, was mit dem Spannungsbogen zu tun hat, den dein Protagonist durchläuft.

Und klar, du kannst im weiteren Verlauf jeder deiner Figuren eine solche einseitige Figurensicht schreiben. Empfehlen möchte ich das aber vor allem für die Hauptfiguren – für die, die dir jetzt schon bekannt sind, ebenso wie für die, die möglicherweise noch dazukommen oder die sich erst noch zur Hauptfigur entwickeln.

 

 

3 Noch länger!

 

Der letzte, oder wenn du noch etwas gründlicher sein willst, vorletzte Schritt, bevor wir uns mit dem nächsten Artikel dem Manuskript zuwenden, wird dich noch einmal vier bis fünf Seiten Schreibarbeit kosten.

Natürlich sei hier noch einmal deutlich gesagt, dass du letztlich deinen eigenen Weg finden musst. Vielleicht sind dir die bisherigen Schritte zu wenig oder zu umfangreich oder erscheinen dir insgesamt überhaupt nicht hilfreich. Niemand zwingt dich, alle oder überhaupt einen davon durchzuführen. Aber wo wir schon einmal so weit sind …

Du solltest deine Geschichte und deine Hauptfiguren jetzt schon recht gut kennen. Nun gehst du noch weiter in die Tiefe und erweiterst deine einseitige Plotzusammenfassung unter Zuhilfenahme der gerade verfassten Figurenperspektiven auf ein umfangreiches Exposé von vier bis fünf Seiten. Im Grunde machst du aus den bisherigen Absätzen jeweils eine Seite, wobei es gut möglich ist, dass der einleitende und vielleicht auch der abschließende Absatz nicht ganz so viel Platz einnehmen.

Lass dir für das Anfertigen dieses Exposés gern viel Zeit, vielleicht eine Woche oder wie lange du eben brauchst.

Du wirst sehen, wenn diese Arbeit abgeschlossen ist, hast du deine Geschichte schon wirklich gut verinnerlicht.

 

 

4 Szenenplan

 

Vielleicht drängt es dich jetzt so sehr, dass du keinen weiteren Aufenthalt mehr erträgst und dich sofort ans Schreiben deines Manuskripts machen musst. Warum nicht? Viel näher kannst du deiner Geschichte gar nicht mehr kommen.

Möglicherweise bist du aber immer noch ein bisschen unsicher, denn schließlich soll es jetzt ernst werden. Wie anfangen? Mit welcher Szene? Welches Ereignis sollte dann als Nächstes kommen?

Mach dir einfach vor dem Schreiben noch einen Szenenplan. Na ja, einfach sei mal dahingestellt. Aber allzu schwer ist es wirklich nicht.

Lies dir als Erstes dein langes Exposé noch einmal durch. Markiere dir vielleicht die Stellen, die besonders wichtige Ereignisse beschreiben. Mit der Geschichte im Kopf und dem Exposé in greifbarer Nähe planst du jetzt Szene für Szene. Mach es nicht zu kompliziert.

Die einfachste Möglichkeit ist, jede Szene in Form eines kurzen Satzes, einer Szenenüberschrift zu notieren. Für jede Szenenüberschrift eine Zeile:

 

Lea streitet sich nach dem Aufstehen mit einer Kammerzofe.

Leas Vater bricht beim Frühstück zusammen.

Lea und ihre Schwestern erfahren am Sterbebett von dem Fluch.

 

Und so weiter und so fort. Jeder Satz fasst also das zentrale Geschehen einer ganzen Szene zusammen.

Um es dir übersichtlicher zu gestalten (ein Roman hat schließlich ziemlich viele Szenen), kannst du die Sätze (und damit die Szenen) nummerieren. Falls du bereits weißt, welche Szenen du welchem Kapitel zuordnen möchtest, kannst du die Sätze den Kapitelüberschriften untergliedern und die Nummerierung anpassen (1.1, 1.2, 1.3, 1.4, 2.1, 2.2, …).

Und wenn du den Szenenplan noch erweitern willst, steht es dir natürlich frei, den einen Satz um weitere zu ergänzen, vielleicht sogar kurze Szenenexposés zu schreiben oder z. B. in Form einer Tabelle jede Szenenskizze um weitere Informationen wie Perspektivträger, handelnde Figuren, Schauplatz, Zeit, Wetter, Szenenkonflikt, Szenenziel, Szenentyp (Action, Humor, Rätsel, Information, …) oder was dir sonst wichtig erscheint, zu ergänzen.

Auch indem du die Szenenüberschriften farblich, durch das Schriftformat oder bestimmte Symbole unterscheidest (etwa nach Handlungsstrang oder Szenentyp), kannst du dir eine sehr schöne Übersicht ganz nach deinen Wünschen schaffen.

Angemerkt sei zum Schluss noch, dass viele Programme für Autoren wie etwa Scrivener, yWriter oder Storybook (zum Teil wohl auch Papyrus) einer Szenenstruktur folgen oder sie als Möglichkeit bieten. Die Szenenplanung lässt sich damit bequem innerhalb der Software erledigen.

 

 

Wenn du nun also die Vorbereitungen ganz nach deinem Geschmack abgeschlossen hast, darfst du dich auf den nächsten Romanschreiber freuen, mit dem es dann tatsächlich ans eigentliche Den-Roman-Schreiben geht.

 

 

 

Veröffentlicht am 21.11.2014
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